Domorgeln
Einführung
1334-1928
Die Klais-Orgel im Westchor 1928
Die Kemper'sche Neuordnung 1965
Notwendigkeit einer zeitgem. Neukonzeption
Konstruktiver Ausblick
Dispositionen
Standorte
Gotthardkapelle
Die Kemper'sche Neuordnung von 1965
Freipfeifenprospekt der südlichen Querhausgallerie, Quelle: Sensum Wiesbaden

Die sich gemäß der liturgischen Reformvorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils vorab für den Gemeindegesang als ungünstig bzw. als äußerst unpraktisch erweisende akustische Situation – infolge der einseitig forcierten Klangerzeugung im Westchor – führte Mitte der 1960er Jahre zu einschneidenden und mutigen Veränderungen mit dem Ziel einer neuen "integrierten" Domorgellösung. Inspiriert durch die mit den Möglichkeiten der Elektrik einhergehenden Entwicklungen des modernen Orgelbaus und bestärkt durch einschlägige Erfahrungen mit bereits etablierten Prototypen sollte eine neue, mehrteilige Orgelkonzeption, aufgeteilt auf unterschiedliche Standorte im Domgrundriss (vgl. Standorte) Abhilfe schaffen. Ähnlich wie zuvor in den Bischofskirchen zu Paderborn (Feith: 1926), Passau (Steinmeyer: 1928), Berlin (Klais: 1932), Würzburg (Klais: 1937) und Freiburg (div.: 1963) oder in der evangelisch-lutherischen Hauptkirche St. Laurentius zu Nürnberg (Steinmeyer: 1937/62) versprach man sich durch eine mehrteilige "räumliche" Anlage entsprechend auch einen raumfüllenden Klang mit der wünschenswerten klanglichen Präsenz bei der feiernden, singenden Gottesdienstgemeinde.

Für die grundlegende Überplanung der Orgel in den 1960er Jahren wurden Angebote der Firmen Kemper (Lübeck), Klais (Bonn) und Späth (Ennetach) eingeholt, wobei Kemper unter der Leitung des damaligen Firmenchefs Emanuel Magnus Kemper den Zuschlag erhielt. Die damals komplett neu gestaltete Orgel (34/II/P) in den romanischen Zwillingsarkaden ("Kaiserlogen") des Ostchors – im System der Kemper'schen Taschenlade – erklang bereits am 24. Juni 1962 anlässlich der Zweitausendjahrfeier der Stadt Mainz. Die hinter dem westlichen Chorgestühl verbliebenen Teile der Klais-Orgel von 1928 blieben weitestgehend unberührt erhalten. Die Fertigstellung der Querhausorgel samt dem sechsmanualigen Generalspieltisch auf der Südchorette – und damit die Fertigstellung der gesamten Orgelmaßnahme von 1962-65 – konnte schließlich zum Weihnachtsfest des Jahres 1965 erfolgen. Die Abnahme durch den bischöflichen Orgelsachverständigen, Domkapellmeister Georg Paul Köllner, erstreckte sich vom 9. bis zum 11. Februar 1966. Amtierender Domorganist war zu dieser Zeit Heino Schneider (Amtszeit: 1940-85). Die Intonationsarbeiten besorgte im wesentlichen Karl Borchert, Ingelheim (regionale Firmendependance von Kemper). Der Dispositionsentwurf wurde gemeinsam in regem Briefwechsel der Letztgenannten und OBM Emanuel Kemper entwickelt. Kemper lagerte zwei Teilwerke der ehemals viermanualigen Orgel aus dem Chorgestühl samt einiger Pedalregister aus. Ein Teil des vorfindlichen Pfeifenmaterials von Hans Klais – ca. fünfzig Register – wurde an neuen Orgelstandorten auf der Südchorette und ebenso an der Nordwand des Querhauses – samt der alten Klais'schen Windladen! (elektropneumatische Kegel laden) – wiederverwendet und durch neue Stimmen ergänzt. Ein anderer Teil gilt seither als verschollen. Das neue Teilwerk in den Zwillingsarkaden der Oberkapellen ("Kaiserlogen") des Ostchors ist wie bereits erwähnt eine komplette Neuschöpfung (elektropneumatische Taschenladen).

Im Jahr 2003 wurde der bis heute im Wesentlichen so unverändert bestehenden Kemper'schen Anlage – inklusive der neuen Spieltische – anlässlich des zwanzigjährigen Bischofsjubiläums des Mainzer Diözesanbischofs Karl Kardinal Lehmann das Register Kardinalstrompete 8' hinzugefügt, das von Killinger (Pfeifen) und Breitmann (Wind, Lade und Einbindung in die Orgelanlage) erbaut wurde. Gemäß seiner Bezeichnung ertönen diese auf einem Winddruck von 140 mmWS intonierten 58 Chamaden der 8-Fuß-Lage (mit gekröpften Schallbechern) zu besonderen Pontifikalanlässen und sind hoch oben im so genannten "Wächterhäuschen" an der Westwand des nördlichen Querhauses installiert worden (vgl. Gesamtdisposition).

In dieser Gestalt gehört die seit den späten 1920er Jahren bis zum Jahr 2003 "gewachsene" bzw. stilistisch überformte Mainzer Domorgel zu den komplexesten Anlagen ihrer Art auf dem europäischen Kontinent. Sie umschließt in sich im Grunde drei autarke zweimanualige Orgeln (Westchor – Querhaus – Ostchor) jeweils mit Hauptwerk, (schwellbarem) Nebenmanual und Pedal, deren 114 klingende Register sich auf sieben unterschiedliche Standorte (Nord- und Südseite des Westchorgestühls, Nordwand des Querhauses, südliche Querhausgallerie, Wächterhäuschen und Oberkapellen des Ostchors) aufteilen. Sämtliche Schwellwerke befinden sich aus klimatechnischen Erwägungen auf der nördlichen Seite. Alle 7986 Pfeifen können vom sechsmanualigen (!) Kemper-Generalspieltisch auf der südlichen Vierungsgallerie (Chorette) des Westquerhauses angespielt werden. Daneben befinden sich im südlichen Chorgestühl des Westchors ein weiterer dreimanualiger Spieltisch (für die Westchororgel samt Nordwandorgel) sowie eine zweimanualige Spielkonsole im Osten für die dortige "neue" Kemper-Orgel.

 

aus:

Beckmann, Daniel: "Aus alt mach neu". In: ORGAN_Journal für die Orgel. Mainz: Schott, 2012: Heft 2. S. 12-16.

Schon gesehen...?

Leseprobe ORGAN 02/2012

PDF Leseprobe aus ORGAN 2/2012, (c) Schott Music, Mainz 2012


Generalspieltisch der Mainzer Domorgeln, Kemper 1965, Quelle: Mainzer Domorgel Archiv

Generalspieltisch der Mainzer Domorgeln, Kemper 1965, Quelle: Mainzer Domorgel-Archiv


PDF Gesamtdisposition der Mainzer Domorgelanlage

Schon gewusst...?

Mit seinen sechs Manualen ist der Generalspieltisch der Mainzer Domorgel der größte seiner Art in Europa


7986 Pfeifen aus 114 Registern verteilen sich auf sieben Standorte im Dom.


Die "Kardinalstrompeten" im Wächterhäuschen der westlichen Vierung fahren elektrisch aus den Fenstern heraus und begrüßen den Bischof an hohen Feiertagen.

Schon gehört...?

Kardinalstrompeten

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© Daniel Beckmann 2012