Domorgeln
Einführung
1334-1928
Die Klais-Orgel im Westchor 1928
Die Kemper'sche Neuordnung 1965
Notwendigkeit einer zeitgem. Neukonzeption
Konstruktiver Ausblick
Dispositionen
Standorte
Gotthardkapelle
Notwendigkeit einer zeitgemäßen Neukonzeption
Klaviaturen, Quelle: Mainzer Domorgel Archiv

Auch wenn sich die mehrteilige Konzeption der Nachkriegsjahrzehnte für die Ausmaße des Doms im Vergleich zu der absolut westlastigen Lösung der 1920er Jahre grundsätzlich als förderlich erwiesen hat und sie im Hinblick auf die damaligen vorkonziliaren Gegebenheiten durchaus ihre Berechtigung fand, vermag sie ganz allgemein den klanglich-musikalischen Ansprüchen an eine zeitgemäße Domorgel heute, und ganz speziell mit Blick auf die Besonderheiten der Mainzer Domliturgie kaum noch gerecht zu werden. Als wenig zuträglich erweist sich das gegenwärtige Konzept zudem für die Belange einer konzertanten Orgelmusikpflege nach künstlerischen Qualitätskriterien. Sieht man einmal von der spätbarocken Silbermann-Orgel der erst 1980 recht spät zu Kathedralwürden gelangten Dresdner Hofkirche ab, ist der Mainzer Martinus-Dom gegenwärtig die einzige römisch-katholische Bischofskirche Deutschlands, die über eine derart veraltete und letztlich vor allem unzeitgemäße Domorgel verfügt. Die Kemper-Anlage befindet sich klanglich und technisch unverändert auf dem Nachkriegsstand von 1965 – einer Zeit, als es im Mainzer Dom noch keine Domkonzertreihen in der heutigen Form gab und die liturgischen Vorgaben des Vaticanum II erst allmählich in der gemeindlichen Praxis umgesetzt werden mussten.

Kritikwürdig erscheinen heute die klanglichen Erweiterungen durch Kemper in einer allenthalben als stark ideologisierend empfundenen Spaltklangästhetik der Hamburger Orgelbewegung mit steilem, obertonlastigem Klangaufbau (hoch liegende Klangkronen bei gleichzeitig vergleichsweise enger Mensurierung) und einer im Raum letztlich nur unzureichend tragfähigen Intonation. Heute zeigt man sich auch im zentraleuropäischen Orgelbau bestrebt – zumal in extrem überhalligen Kathedralakustiken wie in Mainz –, grundtönige, zugleich füllig-warme, letztlich orchestral empfundene Klänge zu erzeugen. Eine unmittelbare, jedoch disfunktionale Folge der einst zielstrebig durchgeführten neobarocken "Aufnordung" der Mainzer Domorgel ist darin zu sehen, dass sich die Klangcharaktere der Kemper'schen Sektionen alles andere als organisch mit der spätromantischen Substanz der qualitätvollen Klais-Orgel aus dem Goldenen Orgelzeitalter der Zwanziger Jahre mischen.


Dazu kommen auf rein spieltechnischer Seite ständig zunehmende Anfälligkeiten und Störungen hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Betriebssicherheit der gesamten Anlage, was vorab der damaligen Verwendung vergleichsweise minderwertiger Materialien (MDF-Platten, Pressholz, Pfeifen billiger Legierungen, "Staubsaugerschläuche") und der antiquierten Technik geschuldet ist, die in einem kunsthandwerklichen Qualitätsorgelbau heute keinen Platz mehr hat. So werden etwa sämtliche Teilwerke (Registermagnete/Spielmagnete) aus einem einzigen Netzgleichrichter versorgt, der im Westchor untergebracht ist. Die Leerlaufausgangsspannung beträgt demgemäß gerade einmal 14,75 Volt, die großen Entfernungen bedingen einen Spannungsabfall vom West- zum Ostchor bis zu einem Grenzbereich regulärer Funktion (bis zu 6,4 Volt). Daher kommt es zu regelmäßigen unvorhergesehenen Störungen, wie dem unkalkulierbaren Ausfall ganzer Register oder sogar vollständiger Teilwerke, so geschehen im Pontifikalamt am Pfingstsonntag 2010. "Passende" Oldtimer-Ersatzteile der untergegangenen Firma Kemper sind nicht mehr lieferbar und müssen daher momentan von Fall zu Fall kostspielig eigens rekonstruiert werden. Das vollständige Fehlen sämtlicher digitaler Spielhilfen wie eines digitalen Setzers oder einer MIDI-Schnittstelle etc.– längst internationaler Konzertstandard im Orgelbau – hat zur Folge, dass der Mainzer Domorganist komplexeren liturgischen Situationen nur sehr umständlich und mit vergleichsweise sehr hohem Aufwand (z. B. mit der Hilfe zweier versierter Assistenten am Generalspieltisch) gerecht zu werden vermag und das Spiel kathedraltypischer, virtuoser Orgelsymphonik nur unter
erheblichem Aufwand und unter Inkaufnahme manch
klanglichen Kompromisses möglich ist.

Das gleichsam in der Manier einer – etwas entfernten – Chororgel konzipierte Teilwerk an der vergleichsweise weit zurückliegenden Nordwand des westlichen Querhauses kann der ihr ursprünglich einmal zugedachten Bestimmung als Begleitorgel des Domchors ebenfalls nicht mehr gerecht werden, da die zwischenzeitlich bedeutend angewachsenen Domchöre heute – anstatt wie noch vor fünfzig Jahren auf der Nordchorette – nun im Westchorgestühl ihre Position in der Liturgie gefunden haben. Ein die akustisch-klanglichen Extrempole West – Ost auch angesichts des akustischen Trägheitsmoments der Schallausbreitung klanglich buchstäblich ver-mitte-lndes Moment im eigentlichen Langhausbereich des Doms fehlt nach wie vor und stellt insofern einen vorläufig bleibenden, gravierenden klanglichen Mangel der Gesamtanlage dar. So verwundert es am Ende nicht, dass selbst die an sich stattliche Anzahl von 114 Registern den Schlund des Mittelschiffs nicht befriedigend mit Klang und Feuer zu füllen vermag, zumal die meisten Pfeifen aus Gründen damaliger Denkmalpflege zum Großteil für den Betrachter unsichtbar, und für die Hörer dementsprechend schlecht hörbar, in Architekturnischen und -kammern "schamhaft" verborgen wurden. Auch diesbezüglich hat die Baudenkmalpflege Erkenntnisprozesse durchlaufen, die eine intelligente, zeitgemäße Orgellösung unterstützen und jene unkreative Prüderie des in den 1960er Jahren noch vorherrschenden "konservatorischen Purismus" glücklicherweise weit hinter sich lassen.

 

aus:

Beckmann, Daniel: "Aus alt mach neu". In: ORGAN_Journal für die Orgel. Mainz: Schott, 2012: Heft 2. S. 15 f.

 
Schon gesehen...?

Leitwerk auf der Südchorette, Quelle: Mainzer Domorgel Archiv

Das "Leitwerk" der Domorgelanlage mit kemper'schem Freipfeifenprospekt der Nachkriegszeit, Quelle: Mainzer Domorgel Archiv


"Eigernordwand", Quelle: Mainzer Domorgel Archiv

Das ursprünglich als Chororgel konzipierte Teilwerk an der Nordwand des Querhauses, Quelle: Mainzer Domorgel Archiv


PDF Gesamtdisposition der Mainzer Domorgelanlage

Schon gewusst...?

Mit seinen sechs Manualen ist der Generalspieltisch der Mainzer Domorgel der größte seiner Art in Deutschland Generalspieltisch der Mainzer Domorgel, Quelle: Daniel Beckmann


7986 Pfeifen aus 114 Registern verteilen sich auf sieben Standorte im Dom.


Die "Kardinalstrompeten" im Wächterhäuschen der westlichen Vierung fahren elektrisch aus den Fenstern heraus und begrüßen den Bischof an hohen Feiertagen.

Schon gehört...?

Kardinalstrompeten

Links

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© Daniel Beckmann 2012