Domorgeln
Einführung
1334-1928
Die Klais-Orgel im Westchor 1928
Die Kemper'sche Neuordnung 1965
Notwendigkeit einer zeitgem. Neukonzeption
Konstruktiver Ausblick
Dispositionen
Standorte
Gotthardkapelle
Konstruktiver Ausblick
Kardinalstrompeten im Wächterhäuschen, Quelle: Mainzer Domorgel Archiv

Leidtragende der unbefriedigenden Domorgellösung aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bleiben am Ende immer die Besucher der Kathedralkirche, sei es im Gottesdienst oder im Konzert. Sie müssen tagtäglich mit der wenig befriedigenden Situation eines permanent "ausgebremsten" indirekten Klangeindrucks und den diffusen akustischen Resonanzeffekten zurechtkommen – oder auch nicht! Eine in diesen komplexen akustischen Ausgangsverhältnissen umso essenziellere stützende Führung des Gemeindegesangs durch die Orgel ist mit den heute vorhandenen Mitteln in befriedigender Weise kaum möglich.

Die Problematik wurde bereits 1986 erkannt und potenziert sich mit jedem weiteren Jahr. Brüchige und poröse Ledermembranen, undichte Windanlagen, altersschwache Relais und viele weitere Bauteile signalisieren den mittlerweile "bedrohlichen" technischen Zustand der Domorgel und hätten eigentlich schon längst ausgetauscht werden müssen … Gewissenhafte Recherchen haben jedoch ergeben, dass eine vollständige Restaurierung der heute als überholt und unzeitgemäß geltenden Domorgelanlage als absolut unwirtschaftlich und zudem unter rein musikalisch-künstlerischen Aspekten als nicht zweckdienlich einzustufen ist. Es führt nach sorgfältiger, objektiver Abwägung aller relevanten Sachaspekte letztendlich kein Weg an einer zeitgemäßen und zeitnahen grundlegenden Neukonzeption vorbei, die u. U. eine denkmalgerechte Restaurierung der 1965 "verstümmelten" spätromantischen Westorgel einschließt.


Um dabei die Qualität des Instruments mit der kunsthistorischen und liturgischen Bedeutung der altehrwürdigen Jahrtausendkathedrale in Einklang bringen zu können, wurden im Laufe der mittlerweile 26-jährigen jüngeren Planungshistorie alle denkbaren Standorte diskutiert sowie durch aufwändige Klangproben und Akustikgutachten auf ihre Eignung geprüft. Unter abschließender Auf gabe der ursprünglichen Idee einer Schwalbennestorgel im Langhaus zeichnet sich derzeit wieder ein dreiteiliges Konzept (Ost – Mitte – West) ab, das verspricht, neben musikalischen auch denkmalpflegerischen Begehren gerecht zu werden. Die einzelnen Teilorgeln werden dezidierte Aufgabenstellungen zu erfüllen und gemeinsam als symphonisches Ganzes zu erklingen haben.

Konkret soll ein Hauptinstrument in den Oberkapellen des Ostchors beheimatet werden. Die Chöre bekommen im Westchor ein Instrument zur Seite, das in erster Linie auf ihre Begleitung abgestimmt sein soll. Größere Nähe zur Gemeinde wird durch den neuen Orgelstandort am Marienaltar gewährleistet, der sich mittig zwischen den liturgischen Zentren West- und Ostchor befindet und neben der optimierten Gemeindeliedführung auch als verbindendes Element der Teilwerke West und Ost fungieren können wird.


Somit wäre es erstmalig im Mainzer Dom möglich, gleichermaßen den Chorgesang zu begleiten, die antiphonale Offiziumspsalmodie im West- und Ostchor zu unterstützen, den Gemeindegesang im Langhaus zu führen, große Ein- und Auszüge festlich zu gestalten sowie Orgelliteratur fast aller Stilepochen sowie Improvisationen in Gottesdienst und Konzert adäquat darzustellen. Endlich wäre damit auch gewährleistet, dass "in jeder liturgischen Feier mit Gesang die gesamte Gemeinde der Gläubigen die ihr zukommende tätige Teilnahme auch zu leisten vermag"* und "ihr Klang […] den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben"** vermag.


Im Mai 2010 habe ich am Mainzer Dom die Nachfolge von Albert Schönberger als Domorganist angetreten. Die CD "Daniel Beckmann spielt Liszt, Mendelssohn, Mozart" ist meine "Debüt-CD" als Domorganist. Sie möchte bestmöglich und unter Aussparung jeglicher neobarocker Elemente Kempers den unverfälschten ursprünglichen, mithin spätromantischen Klangcharakter der einstigen Domorgel von 1928 anhand der noch immer in erheblichem Umfang vorhandenen klingenden Originalsubstanz in ihrer sehr beeindruckenden Weise abbilden. Das imposante klangliche Ergebnis zeigt, dass die Verwendung und Sicherung dieser unter allen Umständen erhaltenswerten Substanz bei allen Varianten künftiger Orgelplanungen für den Mainzer Dom unabdingbare Verpflichtung sein muss.


Die jüngst getroffene Entscheidung des Bischöflichen Domkapitels erlaubt nun die zeitnahe Durchführung eines Wettbewerbs, zu dem acht inter national renommierte Orgelbauwerkstätten eingeladen werden sollen. Im Rahmen eines prominent besetzten Symposiums sollen die eingereichten Vorschläge gesichtet und ausgewertet werden, bevor am Ende der Siegerentwurf prämiert werden kann. Die Orgelwelt darf gewiss schon heute gespannt sein.

 

aus:

Beckmann, Daniel: "Aus alt mach neu". In: ORGAN_Journal für die Orgel. Mainz: Schott, 2012: Heft 2. S. 16 f.

* Zweites Vatikanisches Konzil (Vaticanum II), 1. Konstitution über
die heilige Liturgie (Sacrosanctum Concilium), 4. Dezember 1963,
Kapitel 6, Absatz 114.
** ebd., Absatz 120.

 
Schon gesehen...?

Leseprobe ORGAN 02/2012

PDF Leseprobe aus ORGAN 2/2012, (c) Schott Music, Mainz 2012


PDF Gesamtdisposition der Mainzer Domorgelanlage

Schon gewusst...?

CD Cover "Daniel Beckmann spiel Liszt, Mozart, Mendelssohn", Quelle:IFO Classics

Bei seiner Debut CD als Domorganist hat Daniel Beckmann ausschließlich die noch erhaltenen Register der Domorgel von 1928 genutzt, um eine Ahnung von der Faszinationskraft des ursprünglichen, spätromantischen Klangcharakters zu vermitteln.

Schon gehört...?

Ursula Böhmer im Gespräch mit Daniel Beckmann, Journal am Abend, SWR2, 21.7.2012


Die "Kardinalstrompeten" im Wächterhäuschen der westlichen Vierung fahren elektrisch aus den Fenstern heraus und begrüßen den Bischof an hohen Feiertagen.

Links

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© Daniel Beckmann 2012